Hamburg-Hatsfield, einfache Fahrt

Jules Reise nach Hatsfield geht weiter. Dieses Mal erfahrt ihr etwas mehr über den Mann in Tweed.

Kings Cross Station London Hamburg Hatsfield Ellas Schreibwelt

Gerade am Anfang ist es schwer, den richtigen Einstieg in einen Schreibprojekt zu finden. Ich hadere noch immer damit, aber lest mehr in der anschließenden Kostprobe.

Durch Sätze stolpern statt zu gleiten

Die Geschichte um und mit Jules habe ich bereits 2006 in einem Rutsch geschrieben. Das war das erste Mal seit vielen Jahren, dass mich das Fieber richtig gepackt hatte und ich allen logischen Fehlern, Plot etc. zum Trotz einfach schreiben musste. Herausgekommen ist eine unlesbare Mischung, denn ein Teil der Handlung spielt in Hamburg. Erst sehr viel später setzt sie sich in England fort. Ich bin allerdings dankbar für den ersten Teil, denn durch ihn kenne und verstehe ich Jules inzwischen sehr viel besser.

Ich weiß nicht, wie es anderen Autoren geht, aber mindestens 50% aller Texte, wenn nicht sogar deutlich mehr, fallen der Korrektur zum Opfer. Allzu oft lässt man sich von Stimmungen leiten, stolpert und holpert durch Sätze oder biegt komplett falsch ab in eine Nebenhandlung, die die Geschichte kein Stück weiterbringt.

Alles neu auf Anfang

Als ich mich entschloss, Jules im Rahmen meiner 20-Minuten Schreibeinheit in der Schreibgruppe Federreiter wiederzubeleben, war mir daher bewusst, dass unbedingt ein neuer Anfang geschrieben werden musste und die Handlung vorzugsweise in einem Land spielen sollte.

Dennoch ist der Hamburger Teil nicht umsonst. Ich habe dadurch eine ziemlich genaue Vorstellung von ihrem Ex-Freund, durfte Jules Mutter kennenlernen (eine Nervensäge!), ihre Arbeitskollegen, ihren Boss und natürlich auch ihre beste Freundin Claudia, die ein wahrer Schatz ist. Das Problem an perfekten Freundinnen ist – sie sind langweilig!
Selbst eine Nachbarin taucht auf, die mit einem gebrauchten Kaffeefilter in der Hand mal eben schnell den neuesten Klatsch im Hausflur verbreiten muss. Es tut mir etwas leid, dass diese Dame dem Rotstift zum Opfer gefallen ist (so eine kennt ihr bestimmt auch!), aber das gehört zum Thema Nebenhandlungen zu denen man sich manchmal hinreißen lässt. Amüsant, aber nicht wirklich wichtig.

Claudia – Jules Freundin – ist ein Sonnenschein, außerdem verständnisvoll, schwanger, verheiratet, kauft bald ein Reihenhaus. Aber Geschichten leben von Konflikten, Widersprüchen, Herausforderungen. Jules Mutter wäre definitiv eine und wird auch eine Rolle spielen, hat sie doch Jules Bild einer heilen Welt zerstört. Da ich weiß, mit welchen Dämonen Jules zu kämpfen hat, bin ich selbst irritiert über den neuen Anfang. Ich weiß nicht, ob er so funktionieren wird, wie gedacht, aber lest weiter, wenn ihr mögt.

Jules Teil II

Hier die Zusammenfassung für Quereinsteiger: Jules hat mehr als einen Grund Hamburg für einige Zeit den Rücken zu kehren. Ihre Freundin Claudia drängt sie, ihre englische Familie väterlicherseits zu besuchen. Im Zug lernt sie Oliver kennen:

 Hatsfield welcome sign Ellas Schreibwelt

»Fahren sie nach Plymouth?«
»Nein, nach Hatsfield. Das ist ein Dorf am Rand des Dartmoor. Vermutlich haben Sie noch nie davon gehört.«
»Doch, sicher. Das ist ein Zufall!« Er klingt überrascht.
»Was für ein Zufall?«
»Ich verbringe meinen Urlaub dort.«
»In Hatsfield?« Ich ziehe meine Augenbrauen in die die Höhe. Niemand verbringt seinen Urlaub freiwillig in Hatsfield. Die meisten haben noch nicht einmal von dem Dorf abseits der normalen Touristenpfade gehört. Es ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von Häusern entlang der Straße und wirkt eher verschlafen als malerisch.
»Nicht in Hatsfield direkt«, fügt er zögernd hinzu.
»Das hätte mich auch gewundert. Ich glaube, dort gibt es noch nicht einmal ein B&B.«
»Verzeihen Sie mir, ich kann mir solche Sachen nichts besonders gut merken.«
Er zieht seinen Rucksack auf den Schoß, öffnet ihn und holt sein Handy aus einem Seitenfach. Trotz der Lederhülle erkenne ich das Modell, brandneu und sehr teuer. Routiniert streicht er über die Glasfläche des Smartphones, kraust die Stirn, ehe er wieder zu mir sieht. »Ist alles hier abgespeichert, aber anscheinend haben wir gerade keinen Empfang.«
»Wohnen Sie in einem Hotel?«
Er nickt.
»Dann kommt eigentlich nur das Foxbury Hill Hotel infrage.«
»Klingt vertraut. Vielleicht ist es das. Wohnen ihre Freunde in Hatsfield?«
»Nein. In der Nähe des Foxbury, daher kenne ich es auch ganz gut. Wie kommen Sie auf das Hotel? Es genießt zwar einen sehr guten Ruf, ist aber auch abgelegen.«
»Ein Freund hat es empfohlen.« Er klappt die Lederhülle des Handys zu.
Der Zug rattert über die letzten Weichen des Londoner Stadtgebietes. Kurz danach nimmt er Fahrt auf. Die adretten Vorstadthäuser weichen zurück, die grünen Lücken werden größer. Mein Reisebegleiter schweigt, der geöffnete Rucksack liegt in seinem Schoß. Er hält das Handy noch immer in der Hand.
»Alles in Ordnung?«
Er hebt den Blick, lächelt, aber seine Augen funkeln nicht. Er scheint in Gedanken weit weg zu sein. »Sicher, aber es ist wohl besser, wenn ich noch einmal einen Blick auf meinen Reiseplan werfe. Vielleicht habe ich im Speisewagen einen besseren Empfang. Möchten Sie vielleicht eine Kleinigkeit essen?«
»Vielen Dank, ich habe ein Sandwich dabei.«
Er nickt, als hätte er mit der Antwort gerechnet. Ich sehe ihm nach, als er mit geschultertem Rucksack den Waggon Richtung Speisewagen verlässt.


Der Duft nach frischem Kaffee weckt mich. Vor mir auf der kleinen Ablage steht ein großer Pappbecher mit Plastikdeckel.
»Entschuldigen Sie, ich wollte sie nicht wecken, aber ich war doch länger weg als erwartet und dachte, vielleicht haben Sie es sich in der Zwischenzeit überlegt.«
»Danke.«
Er lächelt und setzt sich auf seinen Platz. Vorsichtig öffne ich den Deckel und gieße etwas Milch aus einer Plastikkapsel in den Becher.
Er prostet mir mit seinem Becher zu. »Guten Appetit« Sein Deutsch klingt holprig.
»Sie können Deutsch?«
»Ein bisschen. Schule. Lange her.« Er lächelt.
Entspannt lehne ich mich zurück, gebe mir Zeit, die bleierne Müdigkeit abzuschütteln. Schluck für Schluck genieße ich den Kaffee. Schweigen breitet sich zwischen uns aus, bis das Piepen seines Handys unsere stumme Zweisamkeit unterbricht.
»Sorry«, entschuldigt er sich, zieht es umständlich aus der Innentasche seiner Anzugjacke. Flink huschen und wischen seine Finger über das Display. Er beginnt, eine Antwort zu tippen. Ich bin erstaunt, wie schnell das geht.
»So, das wäre erledigt«, freut er sich, schaltet das Handy aus und steckt es in ein Seitenfach des Rucksacks. Gleichzeitig zieht er einen Stapel Zeitschriften heraus. Neugierig werfe ich einen Blick auf die Titel. Passend zu seinem Tweed-Anzug hätte ich Jagd- oder Angelmagazine erwartet, allerdings keinen Stapel Klatschhefte. Von Boulevard bis High Society sind alle Bereiche abgedeckt. Geradezu ernsthaft liest er die Berichte über den Urlaub der holländischen Königsfamilie, betrachtet Hochglanzfotos von Prinz Williams Freundin Kate und markiert sogar einige der Berichte mit kleinen Klebefähnchen.
Mein Gesicht lächelt, als es sich im Zugfenster spiegelt. Mein Mitreisender bemerkt es nicht. Intensiv beschäftigt er sich mit den Zeitschriften, holt sogar sein Handy hervor, um ein Foto von einer der Magazinseiten zu schießen.
Erst als er sein Handy in dem Rucksack verstaut, treffen sich unsere Blicke. Ich könnte meine Neugierde befriedigen, aber etwas hält mich davon ab, derselbe Instinkt, der mich bereits auf dem Bahnsteig dazu gebracht hat, ihn zu ignorieren. Unser Schweigen markiert eine Grenze. Es ist mir wichtig, sie einzuhalten. Das Lächeln verschwindet, in meiner Hand drehe ich den leeren Kaffeebecher. Mein Kopf sinkt zurück gegen die Lehne, an meinem Spiegelbild vorbei gleitet mein Blick hinaus in die Landschaft. Plymouth ist nicht mehr weit.

 

See you in Hatsfield Sign Ellas Schreibwelt

PS: Die etwas älteren Ausgaben der Boulevard-Magazine sind bewusst gewählt (mehr verrate ich im Moment dazu nicht) und Hatsfield gibt es nicht wirklich. Ich lasse mich aber gerne sponsern, reise nach Süd-England und suche einen anderen passenden Ort, den ich dann gern lobend erwähne. Das Foxbury gefällt mir auch :-), vor allem der Sitzplatz unter den Palmen… aber ich greife vor. Sorry!

Autor: ellasschreibwelt

Auch wenn ich eigentlich einen anderen Namen trage, ist Ella der Autor in unseren geistigen Beziehung. Ella erzieht mich. Mit ihr habe ich den Absprung von der Ich-Insel gewagt :-)

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